Cayenne - Evolutionäres Neuronenmodell

Die Entwicklung des analogen Neuronenmodells "Cayenne" wurde 1956 durch Philipp Sonntag begonnen. Ziel war die Konstruktion eines elektronischen Rechenapparates, um die Lernfähigkeiten der Netzwerke von Neuronen des Gehirns zu simulieren und in ihren Merkmalen zu präzisieren. "Cayenne" ist eine reine Phantasiebezeichnung, sozusagen für ein "gepfeffertes" Modell und Werkzeug der Denkvorgänge zur Entscheidungsfindung, mit Anwendungen zur Verhaltensforschung und zur Steuerung komplexer Systeme.

Struktur der Cayocks

Cayock ist die Bezeichnung für einen "Cayenne-Block", das grundlegende Modul der Datenverarbeitung des Cayenne. 2-dimensionale Cayocks sind blockartige Flächen in der Form von flachen Netzen von Neuronen für linearen Input von der Flächenum-randung aus. 3-dimensionale Cayocks haben die Form von Ziegelsteinen und ermöglichen flächenhaften Input, insb. Bilder. Cayocks bestehen aus elektrisch leitfähiger Materie, an die elektrische Spannung angelegt wird.Strominput mit sensorischer Information führt zu einem "Einlesen" über irreversible Widerstandsverringerungen im Cayock. Dies entspricht genau der grundlegenden Eigenschaft der nervlichen Signalverarbeitung im Gehirn, indem Informationen (In-puts von elektrischer Spannung an ganz bestimmten Stellen) beim Lernen durch Wi-derstandsverringerung "eingelesen" werden.Die Struktur der Cayocks muss

- so einfach sein, dass sie ersichtlich "in der Ursuppe plausibel von alleine
  entstehen können",
- trotzdem zugleich den Kern einer differenzierten und fein differenzierenden
  Datenverarbeitung mit sensibler Entscheidungsfindung bilden können,
- dabei erlauben, grundlegende Probleme der Ankopplung von einfachen
  Bewusstseinsmodulen (Grundformen des elementares Spürens) an
  signalverarbeitende Materie zu untersuchen und die qualitative Differenzierung
  von Bewusstsein zu modellieren.

Hierfür wurden Netze von Widerständen entworfen, wobei die Widerstände bei Stromdurchgang ihren Wert verringern, was zu einer "Abbildung" nahegelegener Spannungen führt und als lernfähige Struktur interpretierbar und nutzbar sein soll.

Schrittweise Entwicklung des Cayenne

Die neurophysiologische Funktionsfähigkeit wurde zunächst durch Computersimulationen 1963 in CERN (Centre Européene de Recherche Nucléare, Meyrin/Genf) getestet. Für die Dynamik der Widerstandsminderung wurden verschiedene, iterativ zielführende und zugleich möglichst einfache und somit rasch (auch in der Anfangszeit digitaler Computer) rechenbare mathematische Funktionen verwendet. Die funktionale, potenziell hochdifferenzierende Leistungsfähigkeit der simulierten Cayocks wurde für die vorgegebene Randbedingung gezeigt, dass die Eigenschaft der Widerstandsverringerung mit weiteren Rechenvorgängen (Anlegen und Abgreifen von Spannung) merklich geringer wird.

Als nächster Schritt war die Realisierung mit geeigneter Hardware geplant. Von 1963 bis 1968 wurde in der Firma Rossmann Feinelectric GmbH in Gauting bei München (Gesellschafter Ing. Christoph Rossmann und Ph. Sonntag) versucht, die Struktur mit Hardware Entwicklungen für Zwecke von Zielansteuerungen etc. zu realisieren, was jedoch nicht zu einer kommerziell nutzbaren Konstruktion führte. Die Bemühung geschah damals im Kontext einer breiten Aufbruchstimmung zu Leistungssteigerungen der Automation in den 50er und 60er Jahren, was zu einer Reihe von interpretierenden, die Tragweite verallgemeinernden Büchern Mitte der 60er Jahre führte.

Zu den bekannteren Autoren aus dieser Zeit zählen z. B. Steinbuch, Frank, Pollock, Gerwin. Pragmatisch ging es jedoch weitgehend um bereits verfügbare elektromechanische und elektronische Regelungstechnik. Verhaltenstheoretisch wurde das Cayenne zur Erklärung einer Reihe von Eigendynamiken entscheidungsfähiger Strukturen verwendet. Dazu bestanden Kontakte, z. B. 1965/1966 mit "The Institute for Cybercultural Research, New York bzw. zur I. C. R. Press (General Editor Alice Mary Hilton) und zu Prof. M. Drath /TH Darmstadt und VDW (Vereinigung Deutscher Wissenschaftler).

Zu einschlägigen Schriften aus dieser Zeit (Archiv der Rossmann Feinelectric) zählen "Modell einer Evolution" (und entsprechend "Model of an Evolution") von Ph. Sonntag; dabei war eine typische Arbeitshypothese ("Plausible Forderung Nr. 4"): "Es soll sichtbar werden, in welcher Form falsche Informationen mit der Zeit überspielt werden können. Bei komplizierten Modellen sollen sie auch von Innen heraus aus vorheriger Erfahrung eliminiert werden" (Anmerkung: Heute würde man statt "Bei komplizierten .." schreiben "bei komplexen .."). Für diese grundlegenden Ansätze war der Versuch zur Entwicklung einer Hardware bei Rossmann Feinelectric in Richtung des Cayenne und zugleich in Richtung elektronischer Orgeln zu früh. Während geeignete Bauteile für letztere nach einem Jahrzehnt mit der Mikroelektronik verwendbar wurden, wird eine systematisch nutzbare Hardware mit neuronalen Netzwerk Eigenschaften vermutlich erst im Zuge der aktuell fortschreitenden Verbindung von Mikrosystemtechnik mit Mikro-Biotechnik und weiterer Miniaturisierung in Richtung Nanotechnik gelingen.

Das ist aber nicht notwendig, um das Phänomen der neuronalen Netze zu studieren. Im Grunde setzte eine erfolgreiche Realisierung vergleichbarer Modelle erst/bereits in den 80er Jahren ein, als der Fortschritt der Computer erlaubte, sowohl Neuronennetze als auch deren übergreifende Rückkopplung zu neuen Leistungsqualitäten mit vernünftigem Aufwand zu simulieren; richtungsweisend hierfür war das Hopfield Netzwerk, siehe die bahnbrechende Arbeit von John J. Hopfield: "Neural Networks and Physical Systems with Emergent Collective Computational Abilities" in Proceed. Nat. Acad. of Sciences, USA, 1982, p. 2554.

In kybernetischen Studien von Ph. Sonntag mit Karl W. Deutsch konnte das Cayenne wieder aufgegriffenen werden, insbesondere zu Untersuchungen von Gewaltbereitschaft und Eskalationsdynamik, zunächst 1972 im Littauer Center/Harvard Univ. und danach ab 1979 bis 1986 im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, Berlin, insbesondere 1984-1986 durch Einbeziehung bei laufenden Arbeitskontakten mit der General Systems Research Society.

Das Cayenne wurde beispielsweise bei Untersuchungen verwertet, wie mit wachsender Komplexität von Systemen zugleich deren Steuerbarkeit und Verwundbarkeit wachsen, siehe hierzu das Kapitel "Steuerbarkeit und Verwundbarkeit komplexer Systeme" S. 110 - 153 in dem Buch von Otto, Peter und Philipp Sonntag: Wege in die Informationsgesellschaft - Steuerungsprobleme in Wirtschaft und Politik, dtv 4439, 1985, 359 S. Am Ende der Untersuchung waren alle mathematischen und modellhaften Formeln wieder herausgenommen worden, um das Phänomen möglichst allgemeinverständlich zu erklären.

Mit der Gründung des IFIAT 1997 wurde das Cayenne erneut aufgegriffen, vor allem um weitere Wechselwirkungen bei der "Ankopplung" von Bewusstsein an Materie zu studieren. Im Folgenden werden einige Eigenschaften des Cayenne erläutert.

KE, die Künstliche Emotion

Mit der Cayenne Struktur wurden Grundlagen der Identitätsbildung untersucht, insbesondere welche Phänomene mit Hilfe der Cayocks schlüssig erklärbar sind, entweder mit digital simulierbaren oder mit in Hardware darstellbaren und übergreifenden Netzwerkstrukturen für Rückkopplungen, wobei Emotionen (Lust, Schmerz) funktional als Randbedingungen für Optimierung wirken. Entsprechend wurde der Begriff der "KE", der Künstlichen Emotion geprägt. Dabei geht es nicht primär um das Phänomen der "Emotionalen Intelligenz" nach Goleman, sondern um die Herauskristallisierung einer dem Menschen konstruktiv zugrunde liegenden, als funktional lebendige Identitätsmodule erlebten elementaren Emotionalität, sowie ihrer funktionalen Unterscheidung von - und Verbindung mit - materieller Signalverarbeitung des Denkens.

Hierfür werden zwei strukturell einfache, grundverschiedene Phänomene, nämlich elementares bewusstes Fühlen und signalverarbeitendes, iterativ optimierendes Denken, modulhaft verbunden zur Identitätsbildung.

Ein "Ich" erlebt sich selbst als Abstraktion von Elementarmodulen des Spürens, und erkennt sich auf Grund komplexer Phänomene aus einfach variierten Randbedingungen als subjektiv wie objektiv einmalig. Dies geschieht unabhängig davon, ob das Bewusstsein angekoppelt oder materiell gebildet wird, oder beides in Kombination als notwendige Voraussetzungen hat. Es resultierten Ansätze zu einer "Theorie der Verblüffungseffekte".

Der "Lebendigkeitsneid" des Roboters

An der unbelebten Materie können wir bisher kein Bewusstsein feststellen. Der "Lebendigkeitsneid" des Roboters könnte von ihm selbst bereits aufgelöst werden, indem er sich einen Regenwurm schnappt, Signale austauschend ankoppelt, und dann das so entstehende Hybrid-Wesen ebenso demokratisch (den Regenwurm einbeziehend) wie intelligent (zielführend) entscheidet, wann es den Regenwurm-Teil zwickt und eine optimierende Rückkopplung mit Schmerzvermeidung stark über den Regenwurm-Teil laufen lässt. Schon haben wir ein intelligentes, fühlendes, in abstrahierten Projektionen hoffendes Lebewesen. Es ist zur Darstellung der Phänomene, ebenso bewusst wie unbewusst, autonom konstruierbar und kann unter Ankopplung weiterer feinfühliger Sinnesorgane in Leistung und Empfindung verfeinert werden.

Der Mensch selbst ist ein diesem Hybridwesen vergleichbares Konstrukt. Die Herausforderung unserer Verantwortung besteht in der schwachen Ankopplung des Menschen an starke Eigendynamiken in Natur und Gesellschaft. Bereits ein kleiner Eingriff kann chaotische Eigenschwingungen auslösen. Systemforscher haben seit über sechzig Jahren (z.B. McCullogh und Pitts, sowie Norbert Wiener um 1940) für die Entscheidungsvorgänge im Menschen und die von ihm verwendeten Zukunftsmodelle Simulationen entworfen, unter Verwendung von Schwellenwerten wie beim Perceptron oder bei den Steinbuch´schen Lernmatrizen, die ein primitiver Grenzfall des Cayenne sind, mit Widerstandsveränderung von Null auf Unendlich vermöge des "Durchschmelzens" von durch Strom erhitzten Leitungen.

Strukturell sind das Cayenne, das Hopfield Netz und ähnliche neuronale Netze der 80er Jahre im Ansatz eine allgemeinere Stufe der Netzwerkdifferenzierung. Eine leistungsfähige Darstellung eines aus Neuronen aufgebauten Netzwerkes, wie sie 1982 J.J. Hopfield überzeugend leistete, war mit den früheren Mitteln (so auch 1963 bis 1968 in der Firma Rossmann Feinelectric) nicht effektiv machbar, einige grundlegende Überlegungen waren jedoch bereits damals plausibel. Die gedankliche Umsetzung der Lernmaterie des Cayenne für Messfühler, Zielfindung und Verstärker modellierte die Ankopplung von Mensch und Umfeld.

Die „rot angestrichenen Drähte“

Zugleich machte es plausibel, wie "aus einfach strukturiertem Dreck" (Lernmaterie) lernfähige Absichtsträger entstehen, welche die angekoppelte Eigenstrukturierung im Rahmen eines "bewusst erlebenden Ich" veranschaulichen. Funktional hatten wir damals die hilfreichen elementaren Spürmodule als "rot angestrichene Drähte", bezeichnet, über die "bewusst", d. h. funktional stark bevorzugt, optimiert wird. Jenseits der kybernetischen Möglichkeiten waren es damals biogenetische Modell-Ansätze einer Selbstorganisation von Replikatoren im Sinne einer sich evolutionär selbst reproduzierenden und verfeinernden Struktur. Dies ergibt wie die folgenden Ausführungen, einen konkreten Anhaltspunkt dafür, dass Lebensformen außerhalb unseres Planeten sich in völlig anderer Materieform mit dennoch ähnlichen Resultaten relativ leicht bilden und sich selbst präzisieren können. Der bisher fast nur mit schematischen Zuordnungen erfasste Bereich ist die Art der Verknüpfung von elementarem Spüren mit spezifischer Materie - während die hohe Differenzierung gemäß Modellen wie dem Cayenne keine Probleme bereitet, weder technisch noch philosophisch.

Die Seele tanzt auf dem Gitter der Verstärkerröhre

Stand der Wissenschaftlichkeit war und ist, Phänomene der Seele nur grob materialistisch auf empirische und funktionale Weise fassen zu können und somit praktisch alle Ansätze als "unwissenschaftlich" zu betrachten, welche die besondere Qualität der "spürenden und bewussten" Seele betreffen. Zweck des Cayenne war von Anfang an eine Simulation der Ankopplung und Wechselwirkung von Seele und Körper. Hierfür soll als Sprachregelung gelten:

S      =      M  -   K

Seele   =    Mensch    minus    seine eigene Körpermaterie

Wir sagten damals, als es noch keine Chips und noch keine breite Verwendung von Transistoren gab: "Die Seele tanzt auf dem Gitter der (Verstärker-) Röhre": Schafft sie, auch "nur" ein paar Elektronen zu verschieben, dann ist sie ursächlich wirksam. Bezeichnend ist, dass das Cayenne sogar erlauben würde, die Herauskristallisierung des Ichs als geistigen Prozess mit Fähigkeit zur Verantwortung rein materiell zu simulieren - ganz ohne Seele. Aber: Noch so viel aufgetürmte und zusammengelötete Materie gibt keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass oder gar wie daraus ein elementares Spüren zustande kommen könnte und ebenso wenig wie die Seele tatsächlich auch nur auf einzelne Elektronen willkürlich einwirken könnte . Es gibt umgekehrt trotz der viel diskutierten Versuche von Libet, welche Nahelegen dass die "eigentliche Willensbildung" unbewusst messbar vor der als bewusst wahrgenommenen Willensbildung erfolgt, keinen Beweis für die Negierung der Seele, siehe z.B. www.van-Laak.de zu den "Parabolantennen", den "Vesikel-Gittern" an der Hirnoberfläche, an denen ein "hirn-unabhängiger Geist" eingreifen kann, was dem "Tanz auf dem Gitter" beim Cayenne entspricht.

Ich kann etwas entscheiden und mir danach ein anschauliches Bild dieser Entscheidung und ihrer zugehörigen (bewusst u/o unbewusst erwünschten) Folgen "ausmalen", und sie dann erst kommunikationsfähig aufbereiten, der Vorgang ist anschaulich simulierbar mit Hilfe verknüpfter Cayocks. An unbewusste Lösungsvorschläge hätte ich dabei meinen bewussten Erwartungshorizont von bewusst unverzichtbaren Randbedingungen angelegt, sodass das Netz der "nicht rot angestrichenen" (unbewussten) Cayocks zur Lösungsfindung solange suchen müsste, bis etwas mir bei meinen rot angestrichenen Cayocks akzeptables erscheinen würde, das dann blitzartig als Lösung verwendet und zugleich mit kurzer Verzögerung für meine Anschauung verarbeitet wurde. Ich treffe also vorher die Entscheidung, dass ich was will, wie es sein muss und wann und nach der unbewussten Lösungsfindung überprüfe ich noch einmal kurz bewusst. Das Cayenne zeigt, inwiefern dabei Determinismus weder gegeben noch nicht gegeben ist, sondern der Vorgang differenziert werden muss und es zeigt zugleich, wie der eine oder der andere, gegenteilige Eindruck entstehen und wissenschaftlich als logisch "schlüssig" dargestellt und auch so empfunden werden kann.

Zumindest in zwei modulhaften Eigenschaften geht das Konstrukt der Seele über rein materielle Eigenschaften und Abläufe hinaus: Das elementare Spüren und eine Art willensbetonte, zielführende Einstellung. Dies ist im funktionalen Aspekt einer zur Sinnkonvergenz autofokussierenden Software vergleichbar, beim Menschen mit An-kopplung des und Wechselwirkung zum und vom Gehirn. Die Annahme, Materie könne (unter bestimmten Voraussetzungen) spüren und wollen war eine von Steinbuch konsequent vertretene These. Sie ist rein logisch tatsächlich schlüssig vertretbar. Sie ist als Arbeitshypothese zwar willkürlich (nicht empirisch verifizierbar), kann aber für sehr viele Phänomene einen praktischen, veranschaulichenden Nutzen haben - hingegen keinen Wert. 

Cayenne erlaubt die zugehörige Differenzierung. Geistige Tätigkeit ist mit dem Cayenne schlüssig darstellbar, in ihren informationstechnischen Funktionen rein materiell erklärbar - hingegen ist die Annahme einer spürenden oder sonst wie beseelbaren Materie auch mit dem Cayenne in keiner Weise überprüfbar. Funktionell heißt spüren nur hohe Priorität der Stromführung (Lust) oder Nichtstromführung (Schmerz) bestimmter Neuronen. Die moderne Neurobiologie arbeitet die Zwischenstufen heraus. Wenn irgend möglich, versucht man Phänomene ohne die Hypothese einer aktiven Seele zu erklären und entsprechend entdeckt man weitaus mehr Determiniertheit und Verblüffungseffekte als früher vermutet, wie es aktuell in der Zeitschrift "Gehirn & Geist" vielfältig dargestellt wird - was jedoch, wie auch dort betont, kein Freibrief für ein gleichgültiges Handeln des Menschen sein soll.

In jedem Falle gilt: Das Optimieren für Freude und gegen Leid kann simuliert werden. Dieses Sinnesspüren als Gefühl ist elementar, für Optimierung, für Ethik, für Selbstverständnis. Die auffächernde Differenzierung von Gefühlen ist materiell darstellbar und die Abstraktion zu komplexen Gefühlen und Empfindungen (Angst aus Erwartungsprojektion etc.) ist als Kombination von elementaren Spürmodulen ebenfalls überzeugend simulierbar -  nur das über die Sinne angesprochene "Spürmodul" ist axiomatisch elementar. Ein Resultat des Cayenne war die Übersicht, wie bei Systemen mit steigender Komplexität tendenziell sowohl die Steuerbarkeit als auch die Störbarkeit wachsen wird - wobei feinsinniges Spüren als eine Komplexität unter anderen zu betrachten ist (siehe auch Otto/Sonntag: "Wege in die Informationsgesellschaft, dtv 1985).

In der täglichen Überlebensbemühung gilt: Mangelnde Übersicht führt dazu, dass eine Kombination von Entscheidungen, die als ethisch und vernünftig erprobt gelten, dennoch Chaos verursachen kann. Sich selbst optimierende Rückkopplungen im Rahmen der Entscheidungssuche des Cayenne mit Hilfe von übergeordneten Netzwerken (teils mit Hilfe von Cayocks) sind nur schwer zur unchaotischen, "unwillkürlichen" Konvergenz zu bringen, ähnlich wie bei anderen Neuronenmodellen auch. Eine Seele, die am Verstärkergitter im Cayenne angreift, erklärt bis ins Funktionale hinein etliche Phänomene von Lebewesen etwas plausibler als ein "gefühlloser" Automatismus, weil sie sehr konsequent auf letztendliches Spüren hin optimiert, "unbestechlich", feinfühlig, nervös, aufmerksam, immer bereit zu Alarm und Umstrukturierung. Sie kann für den Erfolg schlechter sein, insoweit ihr Verhalten (oder das der wie sie agierenden "roten" Cayocks) zu egoistisch ist, zu engstirnig, zu ängstlich, zu risikobereit oder innerhalb der eigenen Gruppe zu antagonistisch und somit im Streit Chaos bewirkt. Das ist aber nur der Preis dafür, dass sie komplexer und damit potenziell feinfühliger, differenzierter steuerbar ist.

Die bisherigen Simulationen erlauben bei derart anspruchsvollen, ethisch relevanten Themen keine empirisch fundierte Präzisierung, inwieweit die Arbeitshypothese einer Seele wesentlich leistungsfähiger sein könnte, oder nicht. Phänomene wie religiöse Erleuchtung können mit dem Cayenne schlüssig in bewussten und unbewussten Teilbereichen dargestellt werden. Aber solange weder Engel noch Dämonen oder sonstige geistige Wesen,  nach Einladung zu einem Flip-Flop an der Kipp-Schwelle, "auf dem Gitter der Elektronenröhre tanzen", d. h. solange am Antennen-Input eines rein technisch gebauten hochsensiblen Verstärkers keine willkürlichen und eigenwilligen, signifikant messbaren Signale entstehen (ähnlich wie bisher bei SETI), kann ein Konstrukt wie das Cayenne Modell keinerlei Hinweise auf Existenz, Nichtexistenz oder gar Leistungsfähigkeit geistiger Wesen ohne Körper geben.

Praktische Nutzungen

Da man längst nicht mehr auf Hardware Realisierungen angewiesen ist, könnte die Nutzung von Cayocks durch digitale Simulation pragmatisch in einem Service Roboter ausgeprägt und in aktiver lebendiger Kommunikation ausgebaut werden. Inwieweit das leistungsfähiger sein könnte, als die Fülle der bereits genutzten industriellen Anwendungen von Steuerungen (KI etc.), lässt sich mangels Erprobung des Cayenne mit heutigen Mitteln nicht sagen. Was könnte es für Nutzungen bedeuten, wenn sich das Cayenne als "dem Lebendigen näher" erweist, als aktuell verwendete Steuerungen?

Ein gesellschaftlich schwieriges Beispiel: Eine Cayenne Steuerung wäre für technische Aufgaben, und sogar für eine maschinelle Betreuung von Menschen in bestimmten Situationen machbar. Das ist ein zweifellos heikles Thema, für das funktionelle und definitorische Fortschritte zum Ausmaß programmierbarer und verträglicher "Menschlichkeit" interessant wären. Dabei geht es weniger um den sich vielfältig ausdrückenden, quasi konkurrierenden "Lebendigkeitsneid" des Roboters oder eine Konkurrenz zu geistig gesunden Menschen (die z. B. andere Menschen betreuen), als vielmehr um Ergänzung einer menschlichen Tätigkeit unter Zuhilfenahme einer Ausgestaltung von technisch erfüllbaren Kriterien der Menschlichkeit.

Hierzu gibt es Erfahrungen mit vom Computer erzeugter, weitgehend als natürlich empfundener Kommunikation, was mit dem nötigen Humor am besten gelingt, siehe auch die vielen Schmunzeleffekte im Umgang mit der Therapiesoftware ELIZA von Joe Weizenbaum. So können "künstliche Betreuer" entstehen, die weniger überlastet, weniger durch Überlastung gestört sind, und die von Betreuten in durchaus relevanten Bereichen kommunikativ intensiver und weitgehender natürlich erlebt werden, als so mancher chronisch überforderte, natürliche menschliche Betreuer und vor allem, weit besser als ein chronischer Mangel an Kommunikation, Dies wurde in Ansätzen für Altenbetreuung in Japan realisiert, mit gemischten Gefühlen beim "Erfolg".

Naheliegend wäre eine arbeitsteilige Kooperation von Service-Robotern und Menschen, um Gefahren der Entfremdung zu minimieren. Zugleich könnte eine Nutzung der Erkenntnisse über cbt (computer based training) für so eine Kooperation hilfreich sein. Die Güte eines Systems kann über die Differenz zwischen Steuerbarkeit und Störbarkeit näherungsweise definiert werden. Aber wie kann man den subjektiven Handlungsspielraum vor dem Hintergrund der objektiven Gesetzmäßigkeiten optimieren? Es genügt weder ein feinfühliger, unsystematischer Mensch noch ein an Superintelligenz gekoppeltes einfaches Lebewesen: Zwar könnte man einen Regenwurm (oder ein anderes strukturell einfaches, aber spürfähiges Lebewesen) mit Input und Output an einen Roboter-Computer koppeln, aber beim Einsatz des Hybrids Roboter/Regenwurm würde sich, zumindest am Anfang einer langen Entwicklung, zeigen, dass weder hohe künstliche Empfindsamkeit noch Intelligenz eine Garantie für gute Steuerung sind.

Immerhin könnten mit Hilfe des Cayenne modellhaft illustrierend die Selektionsfähigkeit und multivariable Abstraktionsfähigkeit von Lebewesen und Hybriden kombiniert werden, und ihre Leistungen in Richtung einer menschlichen Innovationsfähigkeit, bis hin zu einer Menschen ansprechenden, ihn ergänzenden Visionsfähigkeit. Sie hätte eine plausible Entsprechung im Vorgang der sachlich begründeten Begeisterungsfähigkeit des Menschen. Eine spielerische Umsetzung wäre der Bau von neuronal gesteuerten, kommunikativen "Partyrobotern", welche von Smalltalk bis zu einfachen Kellnerdienstleistungen eine Art "lebendige" interaktive KE demonstrieren. Eine für das Cayenne typische Anwendung wäre die - wie sich in der Kombination von Cayocks deutlich zeigt, positive - Einschätzung von alternativen Lebensformen, durchaus auch unter verschiedenartigen physikalischen Bedingungen, innerhalb und außerhalb des eigenen Sonnensystems.