Der Erfinder

Christoph Rossmann
(geboren 22.11.1930 in München, gestorben 28.1.2009 in Kitzeck)

Christoph Rossmann hat jahrzehntelang jedem in seiner Nähe eine Fülle von Anregungen gegeben. Das IFIAT Institut sollte helfen, speziell seine vielen technischen Anregungen industriell umzusetzen. Nach seinem Tod Anfang 2009 soll nun das IFIAT Museum im Internet - und wenn möglich in Ausstellungsräumen - diese Tradition lebendig weiterführen und zugleich die ökologische und soziale Bedeutung seiner Erfindungen veranschaulichen. Darüber hinaus soll es die Persönlichkeit von Christoph Rossmann nahe bringen, Genie und Wahnsinn bodenständig glaubwürdig vermitteln und hierbei seine Ideen in Wort und Bild, in Dokument und Gerücht, in Würde und Blasphemie lebendig werden lassen. Für ihn war das Leben eine Provokation und er wollte selbst entsprechend provozieren, zeitlebens. Nichts sonst fiel ihm so leicht, wie dies. Ein Motto war: „Ich bereue alle Sünden, die ich nicht begangen habe. Ich bekämpfe die Sünde, aber man muss seinen Feind erst mal kennen lernen, damit man ihn bekämpfen kann.“ Siehe auch seine Vita.

Christoph Rossmann hatte ein Gespür für elegantes Design, Schönes und Erhabenes. So war er ein künstlerischer Ingenieur, ein mephistophelischer Künstler, ein parapsychologisch Gläubiger, ein Verehrer mythisch mystischer Frauen. Keine Verehrung hatte er für Manager; das Wort Manager war für ihn ein Schimpfwort, schon lange vor der Finanzkrise 2009: Während die Ingenieure, die Handwerker, sogar die Lehrlinge in Firmen seine Erfindungen und Zukunftsvisionen gut verstanden, waren es die Manager, welche deren Innovation zu Serienprodukten und Marktumsetzung aus Unkenntnis immer wieder verhinderten.

Christoph Rossmann hatte ein sicheres Gespür für das, was der Markt wollte. Als er kein Geld mehr hatte, ging er nach Taiwan und Hongkong. Dort wurden von ihm Produktinnovationen verlangt, und was er vorschlug wurde begierig aufgegriffen und auf dem Markt durchgesetzt, er verdiente herausragend gut. Nachdem das Heimweh ihn zurück gebracht hatte, und er voller Idealismus ökologisch wertvolle Erfindungen machte und patentierte, ging das Elend wieder los. Zwar wollte jeder Handwerker seine Bionische Säge haben, jeder „User“ war nach kurzer Erprobung sofort bereit 800 Euro dafür zu zahlen - aber kein fähiger Hersteller wollte bisher investieren, um sie in die Serienproduktion zu führen.

Die 36 Projekte des IFIAT stammen fast alle von Christoph Rossmann, bei jedem hat er wesentliche Hinweise zur praktischen Umsetzung gegeben. Im Folgenden soll in der Beschränkung auf wenige, typische Bilder und Dokumente die Eigenart des IFIAT und seines Erfinders vermittelt werden.


Vita


Spiritus rector des IFIAT, das heißt gemäß Wikipedia ein "führender, lenkender Geist" und "In der traditionellen Alchemie war spiritus rector eine Bezeichnung für das geistige Prinzip, das alle Dinge zusammenhält." Ganz in diesem Sinne war Christoph Rossmann zugleich Ingenieur und Künstler. Mit seiner ungewöhnlichen Wissenstiefe und Praxisbreite hat er erstaunliche Innovationen geschaffen. Er war Obmann des IFIAT bis Januar 2009 und er bleibt als spiritus rector für unbegrenzte Zeiten bestehen. 

In das Berufsleben wollte er als Pianist starten, jedoch beendete eine schwere Handverletzung seine Pläne: Sein Eifer im experimentellen Umgang mit Sprengstoff führte zu einer Explosion. 1953 begann er mit einer Ausbildung zum „Ingenieur bei Siemens“ -  das war damals noch möglich. 1954 bis 1962 hatte er sein Ladengeschäft „Radio Rossmann“ in Gauting bei München. 1962 gründete er seine eigene Produktionsfirma „Rossmann Feinelectric GmbH“ für Transformatoren und Tonbandgeräte. Zugleich entwickelte er dort elektronische Orgeln sowie den "city-start", eine im Stadtverkehr benzinsparende Automatik. In rund 45 Jahren patentierte er viele Produkte, darunter den "Flachtrafo", den digitalen Webstuhl, die Bionische Säge.

Über den Beruf hinaus war Christoph Rossmann innovativ in einer Fülle technisch lichter Höhen und gesellschaftlich tiefer Schattierungen. Er war vielfältig aktiv als Musiker und Tontechniker, Mineraloge und Parapsychologe, globaler Ingenieur und lokaler Heimatpfleger. Er wurde nach vielen Irrungen und Wirrungen ein liebender und geliebter Mensch, einer der schier Unvereinbares in sich integriert, ausgelebt, umgesetzt hat. Die beschauliche, philosophische Komponente war in allen Phasen des Lebens und Herzens eine treue Begleiterin. Spannung und Entspannung waren im steten Wechsel. Bei allen Turbulenzen blieb die Innovation das durchgängige, „symphonische“ Thema.



Erfindersprache



Es gibt keine Erfindersprache. Jeder Erfinder träumt, redet, schreibt anders als alle anderen. So auch Christoph Rossmann. Die hier ausgewählten Texte stammen nicht aus den zahlreichen technischen Beschreibungen, sondern es sind Essays im weitsinnigen Bereich von "Technik und Gesellschaft". Sie demonstrieren seinen Gedankenreichtum, seine gesellschaftliche Flexibilität. Sie beleuchten zugleich die oft mangelnde Flexibilität seines Umfeldes und an Hand von deren Folgen seine Spannweite zwischen Begeisterung und Melancholie, oft erkennbar an künstlerischen Reaktionen, sei es im Klavierspiel, in der Innenarchitektur des Vierer-Schlössl -  oder hier mit Texten aus mehreren Jahrzehnten. Sie sind teils ernsthaft technisch, teils essayistisch verspielt, immer aus technischer Fundierung heraus mit seinem eigenwilligen Brückenbau hin zu gesellschaftlichen Anliegen.

Christoph Rossmann hat selbst mehr gezeichnet, gebaut, ganzheitlich gepflegt, als Reden geschwungen und Texte geschrieben. Er hat laufend Ideen ventiliert, sich in Träumereien verschwelgt, wobei ihm seine Katzen in der Hollywood-Schaukel mit hoher Aufmerksamkeit geistig gefolgt sind. Seine genüsslich frühpubertären Altersweisheiten und spätpubertären Zynismen linderten ihm selbst das Ertragen der Härten im ewig pubertären Umfeld. Dies zeigt sich vielfältig, so etwa bei einer Rede über das IFIAT, über die Tasten am Klavier, einem Leserbrief zum vernünftigen Autofahren voller Besonnenheit, einem Zeitungsartikel über Spuk in der Technik.

Interessant waren für ihn immer die Grenzen des Machbaren. Für ihn war es immer ein lebendiges Anliegen, die "Beweise" gegen das Perpetuum Mobile durch erfolgreiche Praxis zu falsifizieren. Die Metaphysik war daher bei seinem Interesse an Technik ein faszinierender Bereich. Bei sich bietender Gelegenheit, selten genug, konnte er die ungewöhnlichen Phänomenen ein stückweit untersuchen, siehe hierzu seinen Text (Spuk in der Technik) aus dem Jahr 1971.

Im Folgenden werden eine Reihe von Texten zitiert, welche für die Betrachtungsweise von Christoph Rossmann kennzeichnend sind. In Klammern stehen bei den Überschriften die Jahreszahlen.


Texte von Christoph Rossmann




Kommunikation mit allen Sinnen und Techniken (1977)

Buchentwurf 1977, in Wechselwirkung mit Überlegungen zum Cayenne
(siehe Projekt 33).

Kapitel 1: Technische Ausrüstung der 5 Sinne für Kommunikation
Kapitel 2: Technische Ausrüstung der Kommunikation für die 5 Sinne
Kapitel 3: Kombinierte Sinne, Sexualsinn, Heilsinn, "6. Sinn"
Kapitel 4: Breitbandige Betrachtung der Kommunikation.

Merkposten zum Buch: Akkustik nur mit Hilfsträger konservierbar. Schrift sehr gut für Infoaustausch. Die Pflanzen haben die breitbandigste Kommunikaton. Viele Arten leben dicht gemischt ineinander verwurzelt. Sie sprechen längst nur noch die Monolingua. Das plötzliche Fehlen eines Sinnes löst eigenartige(?) Zustände aus. Chinesische Schrifft, Assoziationssinn. Salz als Liebeszeichen. Wenn der homo sapiens einen Gott wahrnehmen müsste, wäre ihm dafür ein Sinn gewachsen.


Rückzug (1977)

Wenn sich das Ich, der personifizierte Konsum alles Gespeicherten in sich zurückzieht, das heißt alle weiteren Inputs ablehnt, das heisst keinen Kontakt zu irgend etwas anderem als dem Ich sucht, so ist es dann angewiesen auf den Umfang des Inhaltes aller Speicher.
In diesem Zustand besteht das Leben nur noch im Genuss aus diesen Speicherinhalten heraus neue Gedanken und daraus Gefühle, Stimmungen und Spannungen zusammen zu bauen. Ist wenig Speicherinhalt verfügbar, so wird dieses Zusammenbauen sehr primitiv und kurz, es droht der Tod.
Ist diese Phase jedoch ergiebig, kann sie von langer Dauer sein. Wohin sie in Zukunft führen wird, ist mir - trotz des Gedankenmodells Cayenne - unbekannt.


los los (1978)

Der Sinn der Sinne ist sinnlos,
die Sprache der Worte ist sprachlos,
das Leben der Leben ist leblos,
der Geschmack der Geschmäcker ist geschmacklos,
das Lotto und Toto ist Lotterielos,
der Widder im Gewitter ist witterungslos,
die Liebe der Liebe ist lieblos,
der Unsinn vom Unsinn ist sinnreich.


Leserbrief (2000)

Was ich nicht verstehe ist, dass der Rundfunk mit Einschüben, z.B. „bitte recht freundlich“ die Verkehrsteilnehmer vor Verkehrskontrollen warnen darf. Dies halte ich für eine Amtsbehinderung. Die Exekutive hat dadurch keine Gelegenheit, die Rowdies zu erwischen, denen empfindliche Geldstrafen auferlegt werden sollten. Die Exekutive könnte so dem Staatshaushalt Geld von der richtigen Quelle schöpfen.
Es sollten auch zivile Streifen mit ausländischen Kennzeichen und nur einer sichtbaren Person unterwegs sein. Ich selbst fahre ein D-KFZ und erlebe fast bei jeder Fahrt, wie es mir einige „zeigen wollen“; rechts überholen, bei 130 km/h wild drängeln, blinken, hupen, auf 2m heranfahren und, wenn ich selbst gerade überhole, sich noch zwischen mir und dem Mittelstreifen durchzuzwängen versuchen. Sie fordern noch Kooperation bei ihren Übertretungen, bzw. Vergehen, bzw. Verbrechen.


Taschenpfändung bei einem Taschendieb (2001)

Der Gerichtsvollzieher kommt zu einem Taschendieb. Es gibt aber nichts zu pfänden, und der Taschendieb in besten Kleidern und Luxus lacht unverschämt spöttisch. Auch die anderen anwesenden illusteren Gäste tun das Gleiche. Der Gerichtsvollzieher ist sehr erbost und entschließt sich zur Taschenpfändung. Der Taschendieb ist dazu gerne bereit und kooperativ. Bei der Durchsuchung der Tascheninhalte finden sich lediglich die Armbanduhr, Autoschlüssel und Brieftasche des Gerichtsvollziehers. Darüber ist der Gerichtsvollzieher noch wütender und nimmt sich seine Sachen zurück. Nun erhebt aber ein anderer Gast, zufällig ein Rechtsanwalt, Einspruch. Diese Gegenstände sind in den Taschen des Gepfändeten gefunden worden und müssen in eine eigene Verpackung unter Verschluss in die Pfandkammer, damit der Richter weitere Bestimmungen machen kann. Wie soll aber der Gerichtvollzieher mit seinem Auto ohne Schlüssel weiterkommen ...


Rede zum IFIAT (2005)

Bei Mitgliederversammlungen wird nicht viel geredet, sondern kurz und bündig entschieden, was zu tun sei - meist ist mangels Geld nicht viel zu tun.

Geredet wird dann am Lagerfeuer und mit meiner Rede gebe ich nur 5 Minuten Möglichkeit zum Schlaf für Mensch und Schaf, und damit bin ich schon beim Thema. Der Traum kommt rein aus dem Grundwasserspiegel des Gehirns, der Quelle der Ideen. Dieser Vergleich ist ziemlich brauchbar, denn auch dieses Grundwasser ist meist verseucht. Hypothetisch könnte es sauber sein.

In diesem Grundwasser ist die Summe aller Sinneseindrücke und deren Verknüpfungen - wie beim Cayenne Projekt des IFIAT - in elektronischer Lösung. Wenn darüber das Vakuum des schlafenden Bewusstseins steht, entwickelt sich bei individueller Lebenstemperatur eine Schar von Partialdampfdrücken, die sich im Bewusstseinsgehirn niederschlagen. Aus diesem Kondensat bilden sich dann die Träume,  erstens Ideen, zweitens Kunst, drittens Liebe, viertens Gier, fünftens Angst, bis hin zu n-tens Enten.

Unser IFIAT ist erstens ein Versuch das Kondensat der Ideen durch Erweiterung der Dimension und Qualität dieses speziellen, grauzelligen Kondensators vermehrt zu sammeln. Das heißt, die Konzentration von der Verfolgung einer Idee auf deren Entstehung umzupolen - den Gedankenfolgestrom gegen die Strömung mit aller Hingabe ohne jeden äußeren Antrieb zu betrachten - eine auch im Buddhismus verbreitete Methode, über geistige Kurzschlüsse ordentlichen Funkenflug entstehen zu lassen.

Das Ende dieser thermodynamischen Chemie ist das Abwasser des Gehirns, die sogenannte Informationsjauche, die durch internetherische Kläranlagen die Informationsgesellschaft herbeischafft. Eine Überflut von noch immer trüber Suppe. Wie bei einem Riesenkartenspiel ist jeder ein gezwungener Mitspieler und erhält, oft von Falschmischern, dauernd so viele Karten, dass er sie weder halten, noch überblicken kann.

Unser IFIAT interessiert sich für die Zwischenräume, zwischen den Karten, wo man bis auf den Boden sehen kann. Das heißt, die Karten zusammener schieben, wie bei Patiencen ablegen, so die Hände frei machen, dabei die Auslegung, das e-Legante, die Beziehungen erkennen, die Spielregeln definieren.

Hier wird man zweitens den Ursprung der Kunst vermuten. Alle Überfluten klären sich auf ihrem Weg im Gefälle und fließen zusammen, vereinigen sich, und wirbeln gemeinsam. In diesem informationsleeren Raum, wo auch drittens die Liebe zu Hause ist, entstehen die Lösungen, die in das Grundwasser zurücksickern.

Unser IFIAT kann hier die Lösungskonzentration an Ideen erhöhen. Das heißt, die zu Sand detaillierten Ideen dem Strom des Vergessens beigeben und fest umrühren, so alle Information auf den Gehalt an Idee reduzieren und davon jedes Bit bis, wie der Musiker sagt, "zum Fermate" zu Ende denken. Hinzu kommen latente Ideen mit noch dem Exponent 0 als Idee-Erfahrung, als Idee-Emulsion.

Viertens hatten wir die Gier, die Sucht, den Trieb, den freiwilligen Fleiß, das Gefälle in diesem Kartenhaus. Unser IFIAT entnimmt diesem Gefälle seine benötigte Energie.

Der fünfte Punkt Angst ist besonders sachlich begründet. Findet sich jemand, der das alles bezahlt? In unserem IFIAT, wenn diese Arbeit gemacht wird, das heißt - wenn die Leute faul rumliegen, träumen, auf Ideen warten, mit Kunst faulenzen, drittens mit viertens betreiben, erhalten wir diesen Punkt automatisch und es bleibt ihnen nur n-tens sonst noch was, nämlich etwas zu tun, was bezahlt wird.

Die Idee ohne Umsetzung ist wertlos, die Kunst wulstlos, die Liebe ohne Liebesgaben lieblos, die Gier haltlos, die Angst bodenlos und n-tens lotterielos.

Für unser IFIAT war letztens der Grund für die Gründung somit kurz gesagt ideal, zugleich elegant, lieb, süchtig machend, unsicher für die Zukunft und arbeitsreich. Der Tisch der Fragen, Probleme, Beziehungen, Begehren und Bedenken ist reich gedeckt, das Besteck muss jeder selbst mitbringen, verdaut wird jedoch im IFIAT gemeinsam.

Das Disziplinäre, Fakultative haben wir schon in die 3. Welt und neuerdings zu den Chinesen ausgelagert. Grosse Firmen lassen in Indien ihre Software erstellen und sogar die Buchhaltung machen. Wenn wir die Nase vorne haben wollen, ist dies möglich im interdisziplinären, interfakultativen Bereich. Genauer gesagt im Raum zwischen dem Faktischen, Kulturellen, also interfaktisch kulturell.

Die Zukunft hat durch Überinformation schon längst begonnen, die Vergangenheit ist durch Nicht-Aufarbeitung noch nicht vergangen. Die Gegenwart ist daher kein gegenwärtiger Ausgangspunkt, sondern ein zerrissener Zustand aus Überlappungen von Science-fiction und Hexenglauben, ein dem Vakuum naher, undefinierter Raum, der Kreativität versandet, Freude einebnet, Empfindungstiefen verschüttet und Entscheidungen abwürgt. Aus Lebensschwingungen werden nur noch anschnittgesteuerte, erst getaktete und dann getackerte Werte abgegriffen, keine vernünftigen Transformationen.


Das absolute Gehör (2007)

Geräusche können als schmerzhaft empfunden werden, das weiss jeder. Weniger bekannt ist, dass verstimmte Instrumente, oder gar falsch gestimmte Instrumente dem Besitzer eines absoluten Gehörs weh tun. Dies kann soweit führen, dass auch andere sinnliche Wahrnehmungen an Konturschärfe verlieren. Besonders schlimm zeigt sich dies in der Musik. Der Kammerton wurde idiotischsterweise immer wieder geändert, erhöht. Das ist so, als ob, weil wir heute besseres Material haben, der Meter auf 1,1,  1,3  usw. ausgedehnt wird, und auch die Uhren könnten schneller laufen, da wir bessere Lager haben, nur bei der Farbe Schwarz täten wir uns schwer, wie wär’s mit Lichtaugenschwarz, negativer Photonenunterdruck?

Die Wiener spielen sich da ja wie die Gralshüter auf, was das Anziehen des Kammertons betrifft. In der Umgebung von Wien werden in bösen Dörfern sage und schreibe tausende Klaviere falsch gestimmt. Mich z.B. irritiert dies so sehr, dass ich nur noch mechanisch darauf herumtun kann. Als der Komponist die ewigen Ölsardinen komponierte, konnte der Sopran die höchsten Töne noch richtig singen, ohne zum Schabrackenschriller verkommen zu müssen.

Wie wird die Oper der Zukunft sein, wenn die Königing der Nacht von einer Mickymouse gesungen werden muss. Spielt dann Yehudi Dug das Bruchkonzert eine Dezime höher auf der Kohlefasergeige mit drahtlosen Funksaiten?

Was denkt sich so ein Dirigent, wenn er etwas interpretiert, aber einen Ton höher, als es der Komponist wollte? Der hätte es ja auch gleich einen Ton höher schreiben können. Hat er aber nicht. Wir hören also bei einem solchen Dirigenzwerk eine hybride Musik, gentechnisch verändert.
Wo liegt der Sinn darin, das absolute Gehör absolut zu nennen, wenn es nichts Absolutes zu hören gibt. Aus einem festen Frequenzgefüge mit unbeugsamen Frequenzzahlen ist Gummi geworden. Moderne Komponisten können sich durch falsche Töne gar nicht mehr von Musikkomponisten unterscheiden, was tun die Armen?

Noch nie hat sich auch nur irgend ein Komponist in das Reich der negativen Frequenzen gewagt, nicht einmal bis nur -1 Hertz. Da wären noch akkustische Räume zu erschliessen. Wie? Für einen modernen Menschen, der nur Kindergartenastrophysik beherrscht, ist das unter Zuhilfenahme eines schwarzen Lochs babyleicht. Nur den Zeitpfeil drehen!

Teuflischerweise erinnert einen die Rate der Kammertonerhöhung jeweils an die Inflation des Geldes. Was in der Musik ist inflationär? Die Didaktik, die Interpretation, der Instrumentenbau, diesmal nicht die Werbung, die Mode, die Arroganz.


Kleiner Klavierunterricht (2008)

Klaviere sind in schrankförmigen Ausführungen sowohl, als auch in etwa billardtischartigen Gebilden, bei welchen meist - aber doch nur eine Seite - etwas krumm geraten ist, ziemlich verbreitet. Bei beiden ist in etwa der Höhe unnennbarer Körperteile die sogenannte Tastatur seitlich angebracht, erkennbar an einer unnötig großen Anzahl nebeneinander angebrachter, weiss ge-inzüchteter, krallenartiger Bedienungshebel. Im Fußraum darunter befinden sich die Pedale. Bei teuren Instrumenten davon gleich 3 Stück, Bremse, Kupplung und Gas, bei einfacheren Konstruktionen nur Bremse und Gas.

Wie auch sonst, nimmt der Chauffeur bzw. Pilot vor dem Instrument geeignet Platz, bei z. B. einem gemeinen deutschen Hausklavier reicht ein Stuhl, dessen Sitz durch die darauf liegenden Noten, welche man spielen will, erhöht ist. Bei nicht VRI‘s (Virtual Reality Instruments) besteht keine Anschnallpflicht.

Nachdem sich der künstlerische Proband gesammelt hat, kann die Darbietung unmittelbar beginnen. Vor Beginn erhöhen einführende Worte die Effizienz des Kunsttransfers. Man bittet auch den genießenden Zuhörer, die kleinen "Drop-Outs“ aufgrund technischer Gebrechen des Instrumentes durch Auto-Extase zu überbrücken. Dann beginnt der Beginn.

Zur Klärung der überhaupt zur Verfügung stehenden akusto-dynamischen Ressourcen - bevor man ins Detail geht - trete man das rechte Pedal (Gas) voll durch und drücke möglichst alle Tasten (krallenartigen Gebilde), gleichzeitig und heftig mit Händen und Unterarmen in Richtung Fußboden. Dabei wird man ein beeindruckendes Geräusch wahrnehmen, welches den Künstler sofort akustische Nischen entdecken lässt, welche er nun zu modellieren beginnen kann. Nach diesem dritten Beginn geht es los mit dem Beginn.

Wie man mit Ziegelsteinen ein Haus baut, beginnt man nun mit der Betätigung einzelner Tasten. Ist der Künstler ein sorgfältiger Beobachter, wird er entdecken, dass in lockerer Folge bzw. unregelmäßiger Regelmäßigkeit auch Krallen schwarzer Tiere erkennbar sind. Die Betätigung solcher schwarzer Tasten gilt als besonders routiniert und verleiht dem Spiel mehr Polysüffisance. Schnelle Kraftakte, mit viel Gas unterstützt, unterstützen die Aufmerksamkeit der Zuhörer, einzelne Töne mit nur Bremse verhelfen philosophischen Gedanken zu kosmischen Reisen durch erotische Schmerzensabgründe, gleichmäßiger Wechsel zweier Töne hingegen verleiht sakrale Kontemplation.

Das Ende des Beginns, und damit auch zugleich der Schluss, sollte offen bleiben, damit die Phantasie des Zuhörers, einmal angeregt, die coelestische Dimension nicht so abrupt verlassen muss. Unmittelbar nach dem Spiel ist meist ein Fortschritt zu beobachten, wenn der Künstler aufsteht und von dannen geht.









Vita

Erfindersprache

Texte von Christoph Rossmann
 
 
 
Kommunikation mit allen Sinnen und Techniken (1977)

Rückzug (1977)

los los (1978)

Leserbrief (2000)


Taschenpfändung bei einem Taschendieb (2001)

Rede zum IFIAT (2005)

Das absolute Gehör (2007)

Kleiner Klavierunterricht (2008)